Gekappte Leitungen

Was haben die Neoliberalen und Marktradikalen uns damals nicht alles erzählt, wie viel besser alles werde, wenn bspw. die Bundespost zerschlagen und der Rest in Form des magentafarbenen Riesens auf Profit getrimmt wird. Und viele „Mitwettbewerber“ aufgrund der „Konkurrenz“ jenen trägen, ehemals von Beamten bevölkerten Laden zu deutlich mehr Motivation antreiben. Wir hier in meinem Kaff, ein in den 70er Jahren eingemeindeter Vorort von Pirmasens, hatten schon in den Nullerjahren zu spüren bekommen, was das heißt, wenn man bspw. auch die Versorgung mit kritischer und untrennbarer Infrastruktur eben jenem „Wettbewerb“ unterwirft.

Denn für die Telekom „rechnete“ es sich schlicht und ergreifend nicht, diese paar Hanseln im wilden Westen der Stadt mit einer schnellen Glasfaser-Internetleitung zu versorgen. Also stotterte und brummte die ISDN-Leitung übelst, wenn damals mal irgendetwas Größeres herunterzuladen oder auch nur eine simple Internetseite vom Volumen her etwas „schwerer“ war. An sowas wie „Streamen“ konnte man damals noch nicht einmal im Traum denken.

Einige Jahre später sorgte dann „der Markt“ dafür, dass sich ein kleines regionales Unternehmen darauf spezialisierte, solche Lücken schließen zu wollen. Also wurde etwa um 2011 herum unweit des östlichen Ortsendes ein großer Funkturm aufgebaut, der dann auch schnelleres mobiles Internet ermöglichte. Ein nicht unerheblicher Teil der Bürger kehrte der Telekom den Rücken und wechselte mit Telefon und Internet zur regionalen Telekommunikationsfirma.

In der Zwischenzeit wurde dann doch noch eine schnellere Internetleitung der Telekom hierher verlegt (wann und warum, weiß ich allerdings nicht, vermutlich großzügigst subventioniert); die der „Mitbewerber“ dann ebenfalls mitnutzte und so seinen Kunden noch ein schnelleres leitungsgebundenes Internet ermöglichte.

Ganz aktuell erleben wir hier nun eine weitere Steigerungsform von „marktwirtschaftlicher Effizienz“. Denn – wie man an der Seitenleiste ablesen kann – hat am vergangenen Freitag (also vor 6 – in Worten: Sechs! – Tagen) ein vermutlich besoffener Baggerfahrer am Ortseingang diese Strippe durchtrennt. Und seitdem haben hier sehr viele Bürger schlicht kein Telefon und kein Internet mehr. Der kleine Anbieter – so zumindest das, was ich bislang aus der Gerüchteküche in Erfahrung bringen konnte – dürfe die Leitung nicht selbst reparieren, da jene der Telekom gehöre. Nur die hat absolut keinerlei Bock, einen Finger krumm zu machen, da das ja eh überwiegend nur der Konkurrenz nutzen würde.

Und die Baufirma, die diesen Schaden im Auftrag der Stadtverwaltung angerichtet hat? Der ist das offenkundig, wie auch der Letztgenannten, alles scheißegal. Das muss man sich echt mal überlegen: Im Jahr 2022 fällt in einem rund 300 Einwohner zählenden Stadtteil einer kreisfreien Stadt für nahezu eine gesamte Woche das Festnetztelefon und das Internet komplett aus. Man könnte, wenn man kein Handy hat, noch nicht einmal mehr einen Notruf absetzen, wenn das Haus brennt, bei einem eingebrochen wird oder man einen Herzinfarkt hat.

Jetzt kann ich alle ein oder zwei Tage meinen uralten Laptop in den Rucksack packen und die 7 km in die Stadt fahren, um an einem der (immerhin hat man hier sowas überhaupt) freien WLAN-Hotspots wenigstens meine e-mails checken zu können. Natürlich nur auf einem notdürftigen Niveau. Von der Pflege dieses sowieso immer mehr verwaisenden Blogs ganz zu schweigen. Diesen Text habe ich daheim verfasst und schnell reinkopiert.

Ich rechne inzwischen nicht mehr damit, am kommenden Wochenende wieder surfen zu können. Ich hasse dieses bananenrepublikanische Scheißland; aus tiefster Seele.

2 Gedanken zu „Gekappte Leitungen“

  1. In den Städten mag das DSL womöglich stabiler sein, aber die WLAN-Netze sind dafür alle total überlastet. Meine FRITZ-Box meldet hier im engeren Umkreis mehr als 20 WLAN-Netze, die sich alle gegenseitig beharken. Digitaler Elektrosmog.

    Das ist eben alles „Neuland“! Manchmal tut der Zwangsoffline-Modus vielleicht auch ganz gut.

    Glück auf!

    1. Ja, in den großstädtischen Legebatterien ist das sicher noch extremer. Vermutlich war das hier ein Test. Ob die Leute die Fackeln und Mistgabeln rausholen, wenn man ihnen das Internet kappt. 😉 Wobei das relativ inkonsequent war, weil die meisten ja über ihre Wischwanze weiterhin ins Netz kamen.

      Zum Zwangsoffline schreib ich morgen noch was. Auf der einen Seite war es schon ein wenig heilsam, mal ein paar Tage wirklich GAR NICHTS mitzukriegen. Auf der anderen Seite ist die Welt ja nicht stehengeblieben – und währenddessen wieder sehr viel Böses passiert.

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